Leseprobe: Politischer Mord

Einleitung:

Diese Studie befasst sich mit einer Thematik, welche untrennbar mit der Weimarer Republik verbunden ist: der politischen Gewalt. Mit Preußen und Bayern wird das Hauptaugenmerk nicht nur auf die zwei größten, sondern die für die politische Entwicklung bedeutsamsten Flächenstaaten der Weimarer Republik gerichtet. Beide hoben sich im weichenstellenden ersten Halbjahr der Revolution noch durch ein weiteres Charakteristikum von den anderen Einzelstaaten ab: der fatalen Bereitschaft der jeweiligen sozialdemokratischen Partei- und Staatsführer, mit den antidemokratischen Kräften im Offizierskorps zusammenzuarbeiten.

Die Begründung dieses Bündnisses, dass ansonsten ein bolschewistischer Umsturz zu gewärtigen sei, muss als irreführend betrachtet werden. Während die bürgerliche Geschichtswissenschaft in den fünfziger Jahren (K.D. Erdmann) diese Frage eindeutig bejahte und sich mit dieser Überschätzung der linksradikalen Kräfte paradoxerweise in einem unbeabsichtigten Gleichklang mit der DDR-Geschichtsschreibung wiederfand, kamen die seit Anfang der sechziger Jahre einsetzenden Forschungen westdeutscher Historiker zu einem differenzierterem Bild. Die bereits seit den Jahren der Weimarer Republik vorherrschende liberaldemokratische Revolutionsdeutung („Rätestaat oder parlamentarische Demokratie“) wurde dahingehend korrigiert, dass die überwiegende Mehrzahl der Arbeiter- und Soldatenräte (E. Kolb und U. Kluge) von Mehrheitssozialdemokraten und gemäßigten Unabhängigen dominiert wurden. Allerdings vollzog sich nach der ersten Phase der Revolution (bis Januar 1919), als entscheidende Reformen (in Verwaltung, Heer und Großindustrie) bereits versäumt worden waren, eine Radikalisierung der enttäuschten Arbeiterbewegung. Die Rätebewegung versuchte ihren schwindenden Einfluss durch eine Ideologisierung zu kompensieren Die damit einhergehende Verhärtung wurde durch die Brutalität der Soldateska weiter angefacht, die im Unterschied zu dem elitär-intellektuell fundiertem Attentatismus späterer Jahre den rechtsfreien Raum hemmungslos und weidlich nutzte. Dadurch konnte der völkische Nationalismus, der schon während des Krieges durch die Transformation des Kaiserlichen Armee entscheidenden Vorschub erhalten hatte, der jungen Demokratie ihr hässliches Gepräge verleihen.

Eine historische Untersuchung zur Kriegskultur und der Herausbildung des politischen Mordes streckt ihre Fühler in verschiedene Bereiche der Wissenschaft. Soziologisch ist sowohl die gesellschaftliche Zugehörigkeit und Verortung der Täter und Opfer, als auch die Verantwortlichkeit politischer und militärischer Entscheidungsträger von Interesse. Psychologisch verdient die persönliche Vorgeschichte und die autoritär/militärische Prägung der Täter Beachtung, die die bereits während des Krieges im Offizierskorps ausgeformten Stereotypen von Feindbildern und Ersatzwelten reproduzierten. Gemäß den psychologischen Kategorien Freuds (Projektion, Rationalisierung) folgen sie totalitärer Propaganda mit einem irrationalen Weltdeutungsmuster, die oftmals in eine erfahrungsunabhängige Ideologie mündete. Mit dem Verlust der Projektion auf Kaiser, Monarchie und unbesiegbarer Armee kam dem Paramilitarismus in der Weimarer Republik die Funktion einer Wehrersatzideologie zu, die die Traumata des fahnenflüchtigen Kaisers, der gestürzten Staatsform und der durch die „Schmach“ des Versailler Friedens amputierten Armee zu kompensieren suchte. Das juristische Urteil verweist in den vorliegenden Fällen auf eine Rechtsprechung, die politisch motiviert auftrat. Deren Einseitigkeit begünstigte das Szenario des Bürgerkrieges, dem erst nach den Angriffen auf prominente Repräsentanten der Republik Einhalt geboten wurde.

Allen Bemühungen der Forschung zum Trotz lassen sich nur zwei Typen der großen politischen Gewalt relativ klar definieren: das Attentat und der Aufstand, während der Putsch Elemente beider Typen beinhaltet. Damit sind die spektakulären Formen der politischen Gewalt in der Weimarer Republik erfasst. Die Spezifizierung meiner Untersuchung lässt sich in vier Punkten benennen:

1) die Schwerpunktsetzung auf die sogenannte große politische Gewalt, die sowohl Aufstände und revolutionäre Herrschaft (bzw. Ihre Niederschlagung), als auch Putschversuche und politischen Mord umfasst

2) daran anschließend die Fragestellung, ob und inwieweit die politischen Morde in Form und Ausmaß dem Begriff Lynchjustiz zuzuordnen sind

3) die Untersuchung, ob die abfallende Tendenz der politischen Morde im Untersuchungszeitraum mit einer Veränderung der Form der politischen Morde (Attentat) und der gesellschaftspolitischen Stellung der Opfer korrespondiert

4) und ob der damit implizierten Provokation (des als feindlich empfundenen Establishments) ein strategischer Charakter zugesprochen werden kann.

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